Wirtschaft + Kapital = Europa?

Nach den zahlreichen islamistisch motivierten Attentaten in verschiedenen europäischen Staaten und durch die stete Bedrohungslage, die das Innere der Gesellschaft verändert hat, wird wieder häufiger von den zu schützenden „Europäischen Werten“ gesprochen.
Dabei werden meist, recht unsicher und verhalten, wenige Werte aufgezählt. Die Freiheit des Einzelnen, die Rechtsstaatlichkeit, die Demokratie, mitunter auch der soziale Zusammenhalt. Es scheint nicht klar zu sein, welche Werte aktuell von Bedeutung sind und welche Werte für das Europa der Zukunft relevant sein sollten. Diese Unsicherheit resultiert vielleicht auch aus dem Wissen um die zunehmende Bedeutungslosigkeit ehemals gesellschafts-prägender Werte.
Welche Werte prägen unsere Gesellschaft? Sind es ethische Werte, die die Gemeinschaft und das Soziale fördern oder sind es wirtschaftliche Werte wie das Streben nach Profit, die Konkurrenz, das Wachstum? Ist die Europäische Union lediglich eine Wirtschaftszone, eine Wirtschaftskultur ohne eine tiefer gehende gemeinsame Wertegrundlage?
Ist eine Kultur der Wirtschaft und des Kapitals imstande, eine dem Menschen entsprechende Gesellschaft zu formen? Ist der liberale Kapitalismus geeignet, ein friedliches Europa zu schaffen? Wo ist die politische Idee, aus der Europa erwuchs? Wird das gegenwärtig praktizierte rein wirtschaftlich geprägte Vorgehen hinsichtlich des Versuchs Europa zu einen ein Versuch bleiben und zu neuer Konkurrenz, zu neuem Kampf zwischen den Staaten führen?
Für ein friedliches Zusammenwachsen braucht es mehr als wirtschaftliche Abhängigkeiten. Im eigenen Land ebenso wie im gesamten Europa. Ein Mehr an menschlicher Kultur, ein Mehr an gemeinsamen ethischen Werten. Niemand bestreitet die enorme Bedeutung der Wirtschaft für jede Gesellschaft. Doch allein genügt sie nicht.
Die Politik der letzten Jahrzehnte hat es nicht vermocht, andere Werte als die der Wirtschaft und des Kapitals zu vermitteln. Sie hat die gegenwärtigen Verhältnisse geschaffen und zu verantworten. Sie hat zu oft ohne Weitsicht gehandelt, ohne die Auswirkungen auf die Zukunft der Gesellschaft zu beachten. Und sie hat zu oft nicht gehandelt. Vielleicht aus Unwissenheit. Vielleicht aus Eigennutz. Es ist mehr materieller Wohlstand entstanden, doch der gesellschaftliche Zusammenhalt ist nach und nach geschwunden. Hinzu kommen die Spaltung der Gesellschaft bezüglich der Frage der Zuwanderung und die Veränderung der Sicherheitslage.
Wie können wir dem begegnen? Wie können wir dem Ziel einer besseren Gesellschaft in einem friedlichen Europa näher kommen? Was ist zu tun?
Wir sollten versuchen, einen neuen Wertekanon zu entwerfen und ihn im eigenen Land und europaweit zu vermitteln, mit dem Ziel einer Annäherung der verschiedenen gesellschaftlichen Kulturen. Diese geschaffene Gemeinsamkeit könnte, bei Wahrung der Identitäten, der Kulturen der verschiedenen Volksgruppen, zu einer friedlichen Koexistenz der Länder führen und Europa somit stärken. Ein Wertekanon könnte die Basis eines freundschaftlichen Verhältnisses zwischen den Völkern bilden und nachhaltig zu ihrem Zusammenwachsen und somit zu einer echten europäischen Kultur führen. Ein Wertekanon würde dem islamistischen Terrorismus entgegen- und widerstehen. Das Kapital und die Wirtschaft sollten der Gesellschaft dienen und sie sollten dieser ethischen Wertegrundlage nachgeordnet sein.